07.04.2022 | Wenn sich zwei Straßen kreuzen – Intersektionale Perspektiven auf Jazz

Blogbeitrag von Kim Kamilla Jäger


Den Auftakt zum Sommersemester der Digitalen Akademie „Insight Out“ der Deutschen Jazzunion bildete am 7. April die Veranstaltung „Eine intersektionale Perspektive auf den Jazz” mit Rosa Reitsamer. Die Professorin für Musiksoziologie an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien interessiert sich schon lange für soziale Ungleichheit in der Musik. Darum zählen unter anderem intersektionale (dazu gleich mehr) Perspektiven auf Musik, Gender und soziale Ungleichheitssturkturen zu ihren vielen Arbeits- und Forschungsschwerpunkten.



Der Begriff der Intersektionalität (in Englisch Intersectionality), auf den Rosa Reitsamer im Laufe der Veranstaltung zu sprechen kam, wurde 1989 von der Juristin Kimberlé Crenshaw eingeführt. Zwar wurde dieses Konzept schon Jahrhunderte vorher von verschiedenen Schwarzen[1] Frauen artikuliert (siehe z.B. Sojourner Truth im 19. Jh.), aber der Begriff wurde erst vor rund 40 Jahren geprägt. Oft wird dabei das Beispiel einer Straßenkreuzung gegeben, bei der eine Person, in der Mitte stehend, Teil von verschiedenen aufeinandertreffenden Straßen sein kann. Die Straßen repräsentieren dabei verschiedene Teile der Identität. Während der Veranstaltung wurden Geschlecht, Sexualität, Klasse, Ethnizität/race und Körper genannt, die auf verschiedene Art und Weise zusammentreffen und spezifische Diskriminierung und Privilegien bedingen können. Dabei bezieht sich Crenshaw häufig auf einen historischen gerichtlichen Fall. Eine Gruppe Schwarzer Frauen hatte Klage gegen ein Automobilunternehmen eingereicht und argumentiert, dass sie als Schwarze Frauen durch den Konzern diskriminiert wurden, da so gut wie keine Schwarzen Frauen dort eingestellt wurden. Der Fall wurde nicht weiterverfolgt, nachdem die Diskriminierung aufgrund von Geschlecht und race einzeln geprüft wurde und daraufhin keine Diskriminierung festgestellt wurde, da im Unternehmen Schwarze Männer vor allem in der Produktion und weiße Frauen in Büros arbeiteten. Trotzdem wurden dadurch nicht mehr Schwarze Frauen eingestellt. Verschiedene Achsen von Diskriminierung können zusammen also ganz neue Formen der Diskriminierung ausbilden, die mehr als die bloße Summe der einzelnen Kategorien sind. Am Ende der Veranstaltung wies ein Teilnehmer darauf hin, dass der Begriff Intersektionalität sehr akademisch klingt. Der Begriff im Englischen wird dahingegen viel weniger akademisch wahrgenommen, weil eine „intersection“ einfach eine Straßenkreuzung ist. Außerdem machte Prof. Reitsamer noch einmal deutlich, dass das Konzept seinen Ursprung in sozialen Bewegungen und im Aktivismus hat.



Den Beginn der Veranstaltung bildete eine kurze Einführung von Reitsamer in die Forschung zu kutureller Arbeit, die es bis in die 90er Jahre kaum gab. Dabei gibt es vor allem zwei vorherrschende Ansätze: Die optimistische und die kritische Perspektive. Die optimistischen Stimmen richten den Fokus vor allem auf neoliberale Aspekte wie Selbstverwirklichung, Anerkennung und mögliches wirtschaftliches Wachstum durch Musiker*innen und Kreativarbeiter*innen. Die kritischen Studien zu kultureller Arbeit hingegen weisen auf schlechte Arbeitsbedingungen, geringen Arbeitsplatzschutz und geringe gewerkschaftliche Organisierung hin. Außerdem gibt es eine hohe Abhängigkeit von Ansehen und Vernetzung, sowie eine Ungleichheit in der globalen Erwerbsbevölkerung, wobei weiße, junge, männliche und gut ausgebildete Kulturarbeiter überrepräsentiert sind. Diese Selbstausbeutung wird durch eine Reihe von Faktoren möglich, wie z.B. den Mythos vom Künstlergenie (Beruf = Berufung) und die prekären Bedingungen, sowie Konkurrenz und Wettbewerb, die Individualisierung fördern und gewerkschaftliche Organisation geringhalten. Seit einigen Jahren gibt es mehr und mehr Bestrebungen, diese Zweiteilung der Ansätze aufzuheben und eine kombinierte Perspektive zu schaffen, und Fragen von z.B. Work-Life-Balance und der fairen Bezahlung von Kulturarbeiter*innen zu untersuchen.



Auch mich begleiten Fragen zu Identität und kritischen Perspektiven auf Jazz schon seit vielen Jahren. Als weiße Instrumentalistin an einem mehrheitlich weiß und männlich geprägten Konservatorium, das Schwarze amerikanische Musik lehrt, stellte ich mir oft die Frage, wie ich mich konstruktiv mit meiner Identität auseinandersetzen kann. Als weiße Person gehörte ich dort deutlich zur Mehrheit, als Frau und Instrumentalistin im Jazz gleichzeitig zu einer ziemlich kleinen Minderheit. Das Konzept der Intersektionalität wurde durch Schwarze Frauen geprägt und kann z.B. als Analysemethode für die Einwirkung verschiedener Unterdrückungssysteme auf eine Person verwendet werden. Ich finde das Konzept hilfreich, um meine eigenen Privilegien in Verbindung mit Benachteiligungen als Ganzes zu sehen. So wird auch in den letzten Jahren mehr und mehr deutlich: Die meisten großen gesellschaftlichen Probleme – wie z.B. Klimagerechtigkeit, Koloniale Kontinuitäten, Antirassismus, Feminismus – stehen in starkem Zusammenhang und lassen sich nicht unabhängig voneinander denken. Das Konzept der Intersektionalität kann dabei ein hilfreiches Werkzeug sein, um Zusammenhänge zwischen Unterdrückungssystemen zu analysieren.


Nach der Einführung zum Begriff der Intersektionalität spannte Reitsamer den Bogen zu einem ihrer spezifischen Forschungsthenen: Jazzmusikerinnen und Alter. Die Forscherin Marie Buscatto fand heraus, dass einige Jazzmusikerinnen bis zu ihrem 30. Lebensjahr in der Regel gut vernetzt sind und über musikalische, soziale und ökonomische Ressourcen verfügen. Das nennt sie „Übersozialisation“. Mit höherem Alter wird es dann zunehmend schwierig, den Lebensunterhalt als Jazzmusikerin zu verdienen. Oft sind die Musikerinnen von männlichen Partnern wie Veranstaltern und Agenten abhängig. Im Falle einer Trennung besteht dann ein höheres Risiko zur Arbeitslosigkeit. Für ältere Jazzmusikerinnen ist es also schwieriger, eine stabile Position in den Netzwerken über mehrere Jahrzehnte hinweg einzunehmen. Während meines Jazzbachelorstudiums gab es an meiner Hochschule keine Dozentin, die ein Instrument unterrichtete. Während des Vortrags wurde mir darum noch einmal mehr bewusst, wie sehr ich mir eine Dozentin gewünscht hätte. Eine Vernetzung und der Erfahrungsaustausch mit aktiven Jazzmusikerinnen verschiedenen Alters kann so prägend für den Verlauf der eigenen Karriere sein. Musikerinnen als Vorbilder im Alltag zu sehen, erweitert meine Vorstellungen von meinen eigenen Möglichkeiten für mein Leben und Schaffen und hilft mir, mit Herausforderungen besser umzugehen. Am Ende bleibt die Frage, wie wir uns als Kulturarbeitende noch besser vernetzen können, um (Selbst-)Ausbeutung zu minimieren. Gemeinsam haben wir sicher bessere Chancen, neoliberale Denkmuster mehr zu reflektieren und weniger zu reproduzieren. Die Digitale Akademie ist ein wichtiger Schritt auf diesem Weg, hin zu mehr Verbindung und Gemeinschaft.


Wer mehr zu dem Thema Intersektionalität erfahren will, kann zum Beispiel den TED Talk von Kimberlé Crenshaw anschauen. Rosa Reitsamer gab als Literaturempfehlungen außerdem noch Angela Y. Davis „Blues Legacies and Black Feminism: Gertrude Ma Rainey, Bessie Smith and Billie Holiday“ (1998) und Marie Buscatto “Trying to get in, getting in, staying in: the three challenges for women jazz musicians” (2008) und “Women in Jazz. Musicality, Femininity, Marginalization” (2022) an.


[1] Zur Schreibweise von „Schwarz“ und „weiß“: Weiß wird hier als Analysekategorie für unterdrückende Machtverhältnisse verstanden und deshalb in diesem Text kursiv geschrieben. Schwarz als sozialipolitische Kategorie wird hier groß geschrieben. Beide Schreibweisen sind aus der Einleitung des von Natasha A. Kelly herausgegebenen Buches „Schwarzer Feminismus: Grundlagentexte“ (2019) übernommen.