09.12.2021 | Kunst als transformative Kraft

Blogbeitrag von Leon Senger


Die digitale Akademie “Insight Out” der Deutschen Jazzunion basiert unter anderem auf der Arbeit verschiedener interner Arbeitsgruppen, von denen sich eine der Nachhaltigkeit verschrieben hat. Dieser Begriff, der in aller Munde ist, scheint erst einmal klar - es wird wohl um irgendetwas mit “grün” und “bio” gehen. Doch Referent Davide Brocchi zeigt mit seinem Vortrag zur Rolle von Kulturakteur*innen beim Thema Nachhaltigkeit, dass es noch ganz andere Perspektiven zu entdecken gilt. Schnell wird bei seinen Worten klar, dass es um das sprichwörtliche große Ganze gehen soll. An diesem Abend erfahren die Teilnehmenden nicht, wie man die Anreise zum Gig möglichst klimafreundlich gestaltet, sondern welche impulsgebende Rolle Kunst und Kultur bei bitter nötigen Transformationsprozessen spielen könnten. Hat mein Co-Autor Lennart beim Workshop “Greener Artist Activities” noch die Einbettung der Nachhaltigkeitsdebatte in einen größeren systemischen Rahmen vermisst, bietet dieser theoretische Input, dem ich mich hier widmen möchte, genau das.


Zunächst erinnert Davide uns alle eindringlich daran, dass es angesichts der Klimakatastrophe nicht zur Debatte steht, ob es eine Transformation des menschlichen Zusammenlebens geben wird, sondern nur, ob es eine Transformation “by disaster” oder “by design” sein wird. Wenn uns ernsthaft daran gelegen sei, dieses Desaster abzuwenden, dann sei es wichtig, ein erweitertes Nachhaltigkeitsverständnis zu kultivieren. Eine so grundlegende Herausforderung für das menschliche Zusammenleben könne nicht isoliert betrachtet, und ihr könne schon gar nicht allein mit einem kleinen Umweltressort begegnet werden. Laut Davide leidet das institutionelle Nachhaltigkeitsverständnis an einer “sozialen Blindheit”. Er möchte stattdessen Nachhaltigkeit als ein übergreifendes Konzept verschiedener sozialer Bewegungen sehen, die so auf gesellschaftliche Missstände reagieren. In diesen sozialen Bewegungen gab es meist eine künstlerische Komponente, wie beispielsweise die Rolle von Persönlichkeiten wie Joseph Beuys oder Heinrich Böll in der Umweltbewegung. Kultur und Kunst können sowohl als vierte ergänzende Säule neben Ökologie, Ökonomie und Sozialem stehen, als auch als Basis bzw. “Bauplan der Gesellschaft” innerhalb eines solchen Säulen-Modells der Nachhaltigkeit gesehen werden. Aus dieser zweiten Perspektive heraus kann Kunst Teil eines grundlegenden Kulturwandels sein. Zudem ist es hier wichtig anzumerken, dass der Kulturbegriff von Davide ein sehr weit gefasster ist. Der Anbau von Wein seiner Großeltern ist für ihn nicht weniger Kultur als ein Jazzkonzert. In all diesen Facetten (re-)produziert Kultur unser Wertesystem und ist deshalb entscheidend für gesellschaftliche Veränderungen.


Vor einem zweiten Teil, der sich noch einmal genauer mit dem Begriff der Transformation auseinandersetzt, gibt es die Möglichkeit zum Gespräch. Davide konfrontiert die Gruppe mit einigen Fragen zur gesellschaftlichen Verantwortung von Künstler*innen sowie zur Kunstfreiheit. Ein Fokus liegt bei ihm beispielsweise darauf, ob Künstler*innen überhaupt frei in ihren Entscheidungen sind, wenn sie zur Sicherung ihrer Existenz (scheinbar) nur wählen können zwischen marktwirtschaftlichen Prinzipien und staatlicher Förderung. In der kurzen Diskussion ist unter anderem der Unmut über die fehlende Gewichtung von Kultur bzw. Kunst als essentiellem Teil gesellschaftlichen Lebens zu spüren.

Anschließend führt Davide seine Argumentation weiter aus, indem er erklärt, dass Menschen Gefühlswesen sind, und dass gut informiert zu sein keine ausreichende Voraussetzung für eine Veränderung des Verhaltens zum Guten hin ist. Kunst könne die Gefühls- und Beziehungsebene besser adressieren als nüchterne Informationen und so auf ganz andere Weise zu Verhaltensänderungen beitragen. An dieser Stelle möchte ich kurz aus Künstlersicht den Fokus darauf legen, dass diese Ebene sich nicht erschöpft in der Kommunikation einer eindeutigen Emotion mithilfe eines Musikstücks. Viele Potentiale der Kunst liegen gerade im Ambivalenten, außerhalb von Produktivitätsdenken und einer rein linear wissenschaftlichen Logik. Der Prozess ist wichtiger als das Produkt, Kunst ist nicht Mittel zum Zweck und dennoch kann sie gleichzeitig wichtige Funktionen in der Gesellschaft haben. Dies meint nach meinem Verständnis auch Davide, wenn er sagt, dass sich Künstler*innen nicht zu pathetischen Fahnenträger*innen einer grünen Ideologie machen müssen, sondern, dass eine emanzipierte, “defunktionalisierte” Kunstwelt Teil davon sein kann, was er uns als “Reallabore” vorgestellt hat: Orte, an denen Alternativen zur geistigen Monokultur, die der Kapitalismus erschafft, entstehen können und andere Formen des menschlichen Zusammenlebens erprobt werden können. Entscheidend ist hierbei, wie es gelingen kann, den Dichotomien von Kommerz oder öffentlicher Förderung, Staat oder Markt, Kultur oder Natur, Gemeinschaft oder Individuum zu entkommen und nach Alternativen außerhalb dieses binären Denkens zu suchen.


Natürlich bleibt die Frage, an welchen Stellen sich speziell der Jazz konkret als Impulsgeber hervortun kann, an diesem Abend noch sehr offen, eben weil ein so weiter Bogen gespannt wird. Den abschließenden Dankesworten einiger Teilnehmender ist aber klar zu entnehmen, dass Davides mit großer Überzeugung vorgetragene Worte inspirierend und motivierend wirkten. Es ist anzunehmen, dass jede*r die Veranstaltung mit Gedanken und Fragen dazu, wie ein Transformationsprozess “by design” vorangetrieben werden kann, verlassen hat. Meine Assoziationen mit dem Begriff Nachhaltigkeit haben sich auf jeden Fall nachhaltig verändert und ich wurde daran erinnert, wieder mehr darüber nachzudenken, wie ich zum großen Ganzen in meiner Rolle als Kulturschaffender stehe.