Nachhaltig Jazz: Perspektiven in Arbeit und Denken einfließen lassen

Blogbeitrag zum Workshop “Greener Artist Activities” mit Fine Stammnitz am 21.10.21 von Lennart Smidt

Nachhaltigkeit, CO2-Bilanzen, Ökozid, ökosoziale Krise, Klimakrise[1], MAPA (Most Affected People and Areas)[2], diese Themen sind in aller Munde. Seit ein paar Jahrzehnten nur von Umweltbewegungen und Sozialwissenschaftlern angesprochen, begreifen wir langsam, dass alles zusammenhängt.


Als Jazzmensch ist man geneigt zu denken, wir seien doch nun nicht diejenigen, die das Thema Nachhaltigkeit im Beruf so sehr angeht; manche von uns kommen kaum über die Runden und jetzt sollen wir möglicherweise noch unsere Mini-Touren umplanen – und tatsächlich ist das eine weit verbreitete und auch nachvollziehbare Haltung, kommentiert sie doch Privilegien- und Machtverhältnisse. (Hierzu gibt es bald das Seminar „Klassismus im Kulturbereich“ in der Digitalen Akademie der Deutschen Jazzunion: https://www.digitaleakademie-insightout.de/post/class-matters-klassismus-im-kulturbereich.

Die meisten von uns befinden sich wahrscheinlich nicht in der Lage, Konzerte ablehnen oder frei planen zu können, gerade im Moment, sondern hoffen, bald wieder endlich mehr von den Bühnen und weniger vom Antrags- und Bürokratie-Sumpf der letzten 1,5 Jahre sehen zu dürfen. Und wer zahlt eigentlich irgendwann eine nachhaltige Rente?

Gleichzeitig ist es wichtig, nachhaltige Perspektiven in Arbeit und Denken einfließen zu lassen.


Denn etwas muss sich ändern, und es hat mit Treibhausgasen zu tun, darin sind wir uns alle mehr oder weniger einig. Bei dem “wie” wird es etwas schwieriger. Für eine handfeste Systemanalyse und -kritik geht es uns allen ja doch viel zu gut und das ist ja auch auf den ersten Blick irgendwie alles „furchtbar komplex“. Dass “reduce recycle reuse” im offensichtlichen Widerspruch steht mit einem auf Wachstum basierenden Wirtschaftssystem, finde ich wichtig zu erwähnen und jede Diskussion darüber ist auch eine über Nachhaltigkeit.

Im Workshop beschäftigten wir uns mit den vielen Facetten, die Nachhaltigkeit für uns konkret im Berufsalltag bedeuten kann:

Was können, sollen wir Jazzmusiker*innen also tun, um nachhaltiger zu handeln? Was ist nachhaltiges Handeln überhaupt?

Diesen Fragen widmet sich innerhalb der Deutschen Jazzunion die AG Nachhaltigkeit, und beim dritten Workshop der Digitalen Akademie war Fine Stammnitz als Expertin von „Music Declares Emergency“ eingeladen und berichtete, wie “Greener Artist Activities” aussehen können. Was wir also selbst tun können, um als einzelne Akteuer*innen, Institutionen, Bands nachhaltiger zu handeln, und wie im Zusammenspiel Veranstalter / Booking / Management / Venues Anregungen oder auch Forderungen gestellt werden können.


Fragen gab es viele, und Fine konnte von vielen interessanten Beispielen und Erfahrungen berichten, aus der Tätigkeit bei Music Declares Emergency (https://musicdeclares.net/de/) und der Beratung von Festivals, Veranstaltern, Bands durch das Green Touring Network (https://greentouring.net/), das eine zukunftstaugliche Musikindustrie in Gang setzt und dabei Bildungs- und Nachhaltigkeitsberatung bietet.


Was kann inspirieren, was kann unser Denken transformieren, wie können Impulse nach außen gesetzt werden, wie wird das Ganze zwischen unterschiedlichen Interessen moderiert?


Was für mich in diesem Workshop insbesondere hervorstach, war die grundsätzlich positive Herangehensweise. Es ging nicht um das Warum? oder Ob? – sondern immer um das Wie? Wie so, dass es funktioniert? Das ist positiver Aktivismus! Die anderen Diskussionen und Aktionen müssen trotzdem geführt werden, da waren wir uns einig, aber nun geht es um den CO2-Abdruck im Berufsfeld.

So ging Fine also einmal durch unsere Jazzmusiker*innen-Tätigkeiten, vom Touring über Hotelbuchungen und Marketing bis zu Vorbildfunktion, Bio-Siegel und Greenwashing.

Heraus kam u.a. die Erkenntnis, dass vieles schon da, aber noch nicht bekannt ist. So z.B. der “Green Club-Guide” von clubtopia (https://kiez-toolbox.de/category/green-club-guide/) für Veranstalter*innen, in dem alles von Toilettenpapier bis Getränkekühlung abgehandelt wird. Auch gibt es einen grünen Tech Rider und Konzertvertrag für Künstler*innen. Die letzten beiden sind für uns natürlich besonders interessant.


Der wesentliche Unterschied zwischen nachhaltigerem Handeln (also Greener Artist Activities) und Greenwashing liegt aber nicht im blinden Vertrauen in bestimmte Labels oder der Verwendung einzelner Dokumente, sondern im ganzheitlichen Durchdenken der eigenen Aktivitäten. Diese Herangehensweise ist für einige von uns neu, plötzlich ein neuer Blickwinkel auf all unsere Handlungen, daran müssen wir uns gewöhnen. Dafür braucht es Hintergrundwissen, das im Moment noch wild verteilt durchs Netz flirrt und von Expert*innen wie Fine (und z.B. Benjamin von der AG Nachhaltigkeit der Deutschen Jazzunion) in die Welt getragen wird. Von daher kann ich als Teilnehmer nur empfehlen, solch einen Nachhaltigkeits-Workshop einmal mitzumachen, allein, um sich dieser undurchschaubaren, als diffus empfundenen Thematik etwas zu nähern, denn man merkt: Am Ende ist es gar nicht so kompliziert. Auf den Punkt gebracht geht es darum, die CO2-Komponente immer als einen Aspekt im Hinterkopf mitzudenken, genauso, wie man auch über andere Aspekte nachdenkt, seien es Publikum oder Gage. (Und sich nicht von anti-nachhaltigen Systemen veräppeln zu lassen, möchte ich hinzufügen.)


Wenn es um das Reduzieren des eigenen CO2-Fußabdrucks geht, stellt sich schnell die Frage: Was sind die individuellen Minimal-Grenzen? Welche Kompromisse kann und will ich eingehen? Als junger Jazzer werde ich kaum Konzerte ablehnen können, fast egal wo. Als arrivierter Star hat man schon mehr Einfluss auf die Tourplanung. Wir alle können gegenüber Clubs etc. transparent zur Sprache bringen, dass die CO2-Komponente ein Punkt ist, den wir bedenken; das ist ein schönes Ergebnis der Veranstaltung, immer win-win-Situationen zu suchen. Was sind vielleicht gar keine Kompromisse, sondern sogar Bereicherungen? Und da gibt es zu meiner Überraschung Einige. Schöner Punkt, brillante Kleinigkeiten, bei denen man sich fragt, wie es sein kann, dass das noch nicht common sense ist. So z.B. Catering auf Tour: Es kostet einen Anruf, eine lokale Tafel anzurufen, die die übrig gebliebene Hälfte Essen kurz vor Abfahrt einsammelt, nichts muss weggeschmissen werden, und alle profitieren davon. Nicht Welt bewegend, aber irgendwie doch. Selbst gelebte Kreislaufwirtschaft (und ganz ohne durch Risikokapital fremdfinanziertes startup), clevere “Kleinigkeiten”.

Auch merchandise muss nicht neu produziert werden, mit reuse & recycle lässt sich viel improvisieren und komponieren. (Nebenbei: Warum machen wir eigentlich kein merchandise? Unsere Musik lebt doch von Individualität und Kontakt!)

Vielmehr geht es also um ein Bewusstsein als um konkrete Einschnitte oder Nachteile. Wir sind ja nunmal auf diesem Planeten und machen Musik, und werden nicht plötzlich aufhören zu atmen, weil möglicherweise – who knows – CO2 herauskommen könnte. Ist aber das Bewusstsein da, so fängt man von allein an zu forschen, z.B. ob es nicht vielleicht weniger klimaschädliche Druckmöglichkeiten für die Plakate gibt. Man kommt vielleicht bei der Druckerei heraus, die Papier aus Gras in der Schwäbischen Alb herstellt. Sachen gibt’s, danke an Fine für den Tipp, das ist doch mal cool, werden wir bei „100 Saiten Beuys“ nächstes Jahr kreativ nutzen.


Interessant ist auch der Aspekt der “Green Communication”. Möchte man die Bühnenposition oder eigene Bekanntheit nutzen, um auf das eigene Handeln aufmerksam zu machen, und wenn ja, wie, dass es authentisch wirkt? Gar nicht so einfach!


Und dem allem zu Grunde liegend und dementsprechend wichtig ist natürlich die Definition von Nachhaltigkeit[3]. Was ist damit eigentlich gemeint? Da gibt es zum Beispiel die “vier Säulen”: Ökologie, Ökonomie, Soziales, Kultur. Klingt ein bisschen nach dem berühmten Gig-Dreieck, das anhand von Inhalt, Gagen und Vibe gute von schlechten Gigs zu unterscheiden vermag. An dieser Stelle haben wir auch gelernt, dass wir an unerwarteter Stelle für Nachhaltigkeit sorgen können, nämlich bei der Wahl unserer Bank[4]. Was passiert mit unserem Geld, landet es im Bereich der Nahrungsmittelspekulation, in neuen Kohlekraftwerken oder Waffengeschäften?

Und so meint Nachhaltigkeit mehr als nur den CO2-Fußabdruck, sondern auch: Welche Werte werden gelebt, kultiviert? Ganz elegant öffnen die diversen Krisen die Diskussionen um den Begriff Nachhaltigkeit und damit die alten philosophischen Fragen um ein gutes Leben. Das ist schön. Der Eindruck, dass Wissenschaften, Innovation und “common sense” seit langer Zeit und regelmäßig zu Ergebnissen kommen, denen eine große Mehrheit zustimmt, die von Politik und Privatinteressen aber nicht übernommen, vielmehr torpediert werden, bleibt aber. Zu ähnlichen Ergebnissen kommen schließlich auch die Klimaschutz-Bewegungen Fridays for Future und XR und gehen deswegen auf die Straßen.


Wie schon erwähnt, hat mir persönlich daher das Framing der notwendigen Systemkritik bei der Veranstaltung etwas gefehlt. Wir betrachteten alles aus der Perspektive außerhalb aktiven politischen oder gesellschaftlichen Engagements. Trotzdem war es spannend und wichtig, sich mal konkret mit dem Thema im Berufsalltag zu befassen. Denn ganz praktisch stehen wir regelmäßig vor simplen Entscheidungen, bei denen diese neue Perspektive eine Rolle spielen sollte.


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[1]Die Klimakrise wird gerne auch als Klima-Wandel verharmlost. Ein interessanter Artikel darüber und mehr finden sich auf https://www.klimafakten.de/meldung/klimawandel-oder-klimakrise-was-sind-angemessene-begriffe-bei-der-klima-berichterstattung. [2]Dieser Term weist darauf hin, dass die Bevölkerungsgruppen im globalen Süden, die am wenigsten zur Erderhitzung beigetragen haben, am meisten von der Klimakrise betroffen sein werden. s.a. https://de.wikipedia.org/wiki/Klimagerechtigkeit. [3]Dazu gibt es ein interessantes Paper über die Entwicklung des Begriffs Nachhaltigkeit (2007): https://www.kuenste-bilden-umwelten.de/fileadmin/user_upload/documents/BNE/BNE_Seite/2007_dimension_nachhaltigkeit.pdf. [4]Auf dem Ratgeber-Portal utopia.de gibt es dazu einen interessanten Artikel: https://utopia.de/ratgeber/alternative- gruene-bank/.